Ich brauche gar nicht zu fragen, ob du mich noch kennst. Natürlichkennst du mich noch. Ich bin bei dir gewesen, die ganzen letzten Jahrelang, und bin nie von deiner Seite gewichen. 
Was haben wir zwei nicht Alles miteinander durchgemacht. 
Du hast mir vertraut, ich weiß es. Es war ein harter Kampf, dich zumeiner Freundin zu machen, aber eines Tages hast du nachgegeben. Undwir zwei waren unzertrennlich. 
Du hast an mich geglaubt, so fest. Ich weiß, dass ich in all denJahren deine beste Freundin war. Die einzige Person, der du dichüberhaupt noch anvertraut hast. 
Wenn du geweint hast, war ich da, und habe dir durch dein immerdünner werdendes Haar gestrichen. Wenn du dachtest, du kannst nichtmehr, dann bin ich gekommen, habe dich an deinen dürren Armen gepacktund wieder aufgerichtet. 
Erinnerst du dich noch? Ich habe dir versprochen, dass du einesTages fliegen können wirst. Und heute mein Mädchen, ist der Taggekommen. 
Aber ich muss dir heute auch die Wahrheit sagen. Die Wahrheit, dieich dir nie sagen wollte, weil ich Angst hatte, dass du mich sonst imStich lassen würdest. Ohne deinen Körper wäre ich nichts gewesen,verstehst du? Ich habe dich gebraucht, genauso, wie du mich gebrauchthast. 
In Wahrheit habe ich dich belogen. All die Jahre lang. 
Weißt du noch, als ich sagte, ich würde dir die Freiheit schenken? In Wahrheit habe ich dich eingesperrt. 
Weißt du noch, als du sagtest, du wärst so schrecklich alleine? DieWahrheit ist- wenn ich nicht gewesen wäre, und dich nicht ständig davonabgehalten hätte, dich mit Freunden zu treffen, ins Kino zu gehen, malein Eis essen zu gehen, wenn ich dich nicht ständig davon abgehaltenhätte, zu leben, dann wärst du nicht mehr lange alleine gewesen. 
Du hättest viele Freunde gefunden. 
Ich habe dich belogen, als ich sagte, ich wäre die einzige Person,die für dich da ist. In Wahrheit wollten dir so viele Menschen helfen.Aber ich habe es nicht zugelassen. Ich habe eine Mauer um dich herumgebaut, die keiner durchbrechen konnte. 
Und ja, ich habe dich belogen, als ich sagte, durch mich würdestdu ein wunderschönes Mädchen werden. Die Wahrheit ist, dass du heute,mit deiner blassen, fahlen Haut und den dunklen Augenringen, mit denKnochen, die an deinen Seiten hervorstechen, und deinen Haaren, dienach und nach ausfallen, hässlicher aussiehst als je zuvor in deinemLeben. 
Die Wahrheit ist, dass ich wusste, du würdest ein hübsches Mädchen werden, wenn ich dich loslassen würde. 
Aber anstattdessen habe ich dich durch die Hölle geschickt. 
Ich habe dir gesagt, nach dieser Hölle würde eine wunderschöne Zeitkommen. Aber ich wusste von vorneherein, dass das nie eintreffen würde. 
Es tut mir so Leid, meine Freundin. So unendlich Leid. 
Vielleicht hätte ich dir schon vor Wochen sagen sollen, dass derZeitpunkt kommen würde, an dem unsere Freundschaft ein Ende habenwürde. Ich hätte es dir vielleicht schon vor Wochen sagen sollen, dannwäre es nie soweit gekommen. 
Du liegst jetzt hier, mein Mädchen, weißt du, dass du im Komaliegst? Dass deine Träume von bunten Schmetterlingen und federleichtenSchwingen niemals in Erfüllung gehen werden? 
Weißt du, dass alles, was dich und deinen eingefallenen Körper am Leben hält, ein paar Maschinen sind? 
Ich muss es dir jetzt sagen. Aber sie werden die Maschinen heute abschalten. 
Es tut mir Leid. Ich wollte nie, dass es soweit kommt. Aber weißt du- ich kann einfach nicht alleine seien. 
Verzeih- und mach es gut. 

Deine Freundin 
Ana